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Studie zeigt: Unternehmen im Spannungsfeld zwischen verschärfter Steuerpolitik und effizienter Steuerplanung

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Dr. Gottfried Breuninger

Partner, German Head of Tax

München

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26 Oktober 2015

„Effiziente Steuerplanung“, „Schädlicher Steuerwettbewerb“ und „aggressive Steuergestaltungen“ – diese Themen werden im Lichte eines der bislang weitreichendsten Vorhaben internationaler Steuerpolitik, dem sog. BEPS-Projekt*, zunehmend auf der Agenda international agierender Konzerne stehen. Die Umsetzung der konkreten Empfehlungen wird weltweit die steuerlichen Rahmenbedingungen nachhaltig beeinflussen. Flankierend hierzu hat die unter dem Schlagwort „Luxleaks“ bekannte Beihilfeproblematik durch die Entscheidungen der EU-Kommission vom 21. Oktober 2015 einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Zudem sind in jüngster Zeit zahlreiche steuerstrafrechtliche Verfahren in Bezug auf aggressive Steuergestaltungsmodelle in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung geraten.

Vor diesem Hintergrund zeigt eine Studie von Allen & Overy LLP („Negotiating the minefield – challenges facing the corporate tax function“) nun die enormen Herausforderungen auf, denen sich Unternehmen bei einer ausgewogenen Steuerplanung gegenübersehen.

 

Dr. Gottfried Breuninger, Leiter der weltweiten Steuerrechtspraxis bei Allen & Overy: „Unternehmen müssen wegen der zunehmenden Bedeutung von Steuerfragen ihr Augenmerk stärker darauf richten, wie sich diese auf ihre gesamte Geschäftsstrategie auswirken und inwieweit sie dies gegenüber verschiedensten Adressatenkreisen – sei es gegenüber Investoren, Mitarbeitern oder der öffentlichen Hand – transparent machen. Die Studie verdeutlicht: Steuerplanung ist heutzutage keine isolierte Angelegenheit von Steuerabteilungen mehr, wenn und weil sich daraus weitreichende Auswirkungen auf das Gesamtgeschäft ergeben. Mittlerweile ist die Disziplin „ausgewogene Steuerplanung“ wesentlicher Bestandteil der strategischen Überlegungen der Leitungsorgane geworden („Tax in the Boardroom“).“
 
Fast drei Viertel (72 %) der weltweit befragten Unternehmen schätzen Steuerfragen als für ihre Gesamtstrategie „äußerst wichtig“ oder „sehr wichtig“ ein. Insgesamt gaben ebenso viele Unternehmen an, dass der von ihnen bei der Steuerplanung verfolgte Ansatz gelegentlich oder häufig im Widerspruch zu den Erwartungen ihrer Steuerbehörden steht. In Deutschland bestätigten dies 67 % der befragten Unternehmen, in Großbritannien sogar 78%. Gleichzeitig gaben insgesamt 77 % an, ihre Investoren würden zunehmend Einfluss auf ihre Steuerstrategie nehmen und einen besseren Datenzugang sowie finanzielle Einsparungen verlangen.
 
Dazu der Leiter der Steuerabteilung eines britischen Unternehmens: „Die verschärften Bedingungen im steuerlichen Umfeld haben die Investoren extrem wachsam gemacht. Sie bringen sich mehr und mehr in zentrale Fragen des Steuer- und Finanzmanagements ein. Dadurch wird es für die Unternehmensleitungen immer schwieriger, einen Ausgleich zwischen den Forderungen der Investoren und dem Staat zu finden.“
 
Lydia Challen, Londoner Steuerrechtspartnerin bei Allen & Overy, erläutert: „Unternehmen müssen bei der Festlegung ihrer Steuerstrategien zahlreiche und häufig widerstreitende Faktoren berücksichtigen, u.a. die Treuepflicht gegenüber ihren Aktionären, ihre soziale Verantwortung und den geltenden Rechtsrahmen. Von Regierungsseite müssen jetzt Überlegungen angestellt werden, wie man die Investoren von den Vorteilen einer „steuerlichen Fairness“ überzeugen kann, wenn sich die Einstellung der Unternehmen bei Steuerfragen wandeln soll.“
 
Beispielhaft hierfür steht die Diskussion um die britische sog. Diverted Profits Tax, die so genannte „Google-Steuer", eines der laut Challen jüngst am kontroversesten diskutierten Steuerthemen. Als Vorschlag zur Bekämpfung der Steuervermeidung sieht die Regelung einen Steuersatz von 25 % auf „künstliche Gewinnverlagerungen“ vor. Auf die Frage, wie sich eine derartiges Regelung auf ihr Geschäft auswirken würde, antworteten mehr als die Hälfte der Befragten (52 %), dass sie eine Änderung ihrer Steuerstrategie in Erwägung ziehen würden, sollte eine vergleichbare Steuer in ihrem Land eingeführt werden. Ein ähnliches Bild zeigt sich in Deutschland: 55 % der befragten Unternehmen würden hier eine Änderung in Betracht ziehen.
 
Lydia Challen kommentiert: „Die Diverted Profits Tax war ein sehr kluger Schachzug des britischen Finanzministers. Es wird sich aber noch zeigen, ob sie sich nachteilig auf ausländische Investitionen in Großbritannien und auf die dortige Arbeitsplatzsituation auswirkt. Wir haben Verständnis für die Bedenken der Unternehmen, dass eine solche Steuer auch in anderen Ländern eingeführt wird. Denn nach den aktuellen Entwürfen besteht durchaus das Risiko einer Doppelbesteuerung. Die Unternehmen versuchen derzeit, sich in diesem neuen Umfeld zu orientieren.“
 
Vor dem Hintergrund des veränderten Umfelds kommt den Steuerabteilungen in Unternehmen eine zunehmend wichtige Rolle zu: 88 % der Befragten gaben an, dass sich die Erwartungen der Unternehmensleitungen an die Leiter der Steuerabteilung in den letzten fünf Jahren verändert haben (in Deutschland 86 %), wobei 69 % hier eine Entwicklung von einer rein technischen Funktion innerhalb des Unternehmens zu einer Rolle mit zunehmender strategischer Bedeutung sehen (64 % in Deutschland). Zwei Drittel der Befragten (66 %) gaben an, steuerliche Fragen würden in einem vierteljährlichen Rhythmus bei Vorstandssitzungen besprochen, in Deutschland sogar 75 %. Dagegen sagte eine Mehrheit von 60 %, vor fünf Jahren seien diese Themen nur halbjährlich auf die Tagesordnung gekommen, in Deutschland bestätigten dies immerhin 56 % der Befragten.
 
Der Finanzvorstand eines US-Unternehmens führt aus: „Die Erwartungen unserer Geschäftsleitung an den Leiter der Steuerabteilung haben sich deutlich verändert: Was wir heute suchen sind Führungskräfte mit umfassendem steuerrechtlichem Fachwissen und einem stärkeren Fokus auf die zentrale strategische Ausrichtung unseres Unternehmens, die gleichzeitig mit den zunehmenden Risiken und Herausforderungen umgehen können.“
 
Godfried Kinnegim, Steuerrechtspartner bei Allen & Overy, teilt diese Ansicht: „Die Ankündigung von Politikern und anderen, bestimmte Unternehmen aufgrund ihrer Steuerpraktiken zu boykottieren, hat vielen Führungskräften die Augen geöffnet und dazu geführt, dass Steuerfragen heute mehr als jemals zuvor ein Thema für die Geschäftsleitung sind.“
 
 
*) Das gemeinsam unter Beteiligung von OECD, G20 und Entwicklungsländern erarbeitete BEPS-Projekt nimmt auf der Grundlage eines 15 Maßnahmen umfassenden Aktionsplans Gewinnkürzungen und Gewinnverlagerungen („Base Erosion and Profit Shifting“ – BEPS) ins Visier. Am 5. Oktober 2015 hat die OECD die Ergebnisse des BEPS-Projekts veröffentlicht.
 

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